Der Aufbau eines Custodians zählt zu den anspruchsvollsten Vorhaben in der Finanzbranche.
Neben der aufsichtsrechtlichen Genehmigung erfordert er belastbare Prozesse, ausreichend Kapital, eine leistungsfähige technologische Infrastruktur und vor allem, das Vertrauen von Aufsichtsbehörden und Marktteilnehmern.
Nur wenige Fachleute haben diesen Weg selbst erlebt. Pieter Aartsen ist einer von ihnen.
In dieser Folge des Wealth Insider Podcasts spricht Host Christian Lindvall mit Pieter Aartsen, Managing Director Execution Services bei AFS Group, über die Entstehung von Knox, einem vollständig lizenzierten niederländischen Custodian, der speziell für unabhängige Wealth- und Asset Manager aufgebaut wurde.
Pieter berichtet, wie sich 25 Asset Manager zusammenschlossen, um eine Alternative zu etablierten Custody-Anbietern zu schaffen. Er spricht über die regulatorischen und operativen Herausforderungen beim Aufbau eines Custodians und darüber, wie Knox schließlich zu einem strategischen Bestandteil der AFS Group wurde.
Das Gespräch gewährt seltene Einblicke hinter die Kulissen und zeigt, was erforderlich ist, um in einer der am stärksten regulierten Branchen Europas kritische Finanzmarktinfrastruktur von Grund auf aufzubauen.
Warum sich 25 Asset Manager für einen eigenen Custodian entschieden
Die Geschichte von Knox begann mit wachsender Unzufriedenheit unter niederländischen Asset Managern.
Viele Marktteilnehmer fühlten sich von den bestehenden Custody-Anbietern nicht ausreichend unterstützt und waren überzeugt, dass der Markt eine modernere und kosteneffizientere Lösung benötigte, die konsequent auf ihre Anforderungen zugeschnitten ist.
Anstatt auf Veränderungen in der Branche zu warten, beschlossen 25 Asset Manager, diese Lösung selbst zu schaffen.
Pieter wurde beauftragt, das Vorhaben zu leiten.
Auf Basis seiner Erfahrung beim Aufbau neuer Finanzdienstleistungsunternehmen und regulierter Marktinfrastrukturen erkannte er die Chance, Custody neu zu denken. Das Ziel war nicht, bestehende Modelle zu kopieren, sondern eine schlanke, technologiegestützte Plattform zu entwickeln, die gezielt auf die Bedürfnisse unabhängiger Asset Manager ausgerichtet ist.
„Alle Entscheidungen, die wir in der Anfangsphase getroffen haben, basierten auf dem Feedback von Asset Managern.“ - Pieter Aartsen, Managing Director Execution Services, AFS Group
Die Herausforderung bestand darin, dass viele Grundannahmen traditioneller Custody-Modelle im Verlauf des Projekts neu bewertet und teilweise überdacht werden mussten.
Zwei Jahre bis zur regulatorischen Zulassung
Bevor Knox auch nur einen einzigen Kunden betreuen konnte, musste zunächst die regulatorische Zulassung erteilt werden.
Das erwies sich als eine der anspruchsvollsten Phasen des gesamten Projekts.
Im Gegensatz zu traditionellen Custodians wurde Knox ohne Banklizenz konzipiert. Obwohl das Modell sämtliche regulatorischen Anforderungen an einen Custodian erfüllte, war diese Struktur im niederländischen Markt noch weitgehend neu und erforderte intensive Abstimmungen mit der niederländischen Finanzaufsicht AFM.
Im Mittelpunkt stand dabei die Frage nach der Vermögenstrennung und dem Schutz der Anleger.
Kann ein Custodian ohne Banklizenz dieselben Schutzmechanismen und operativen Sicherheitsstandards gewährleisten wie etablierte Bankinstitute?
Für Pieter war schnell klar, dass für die Zulassung weit mehr als technisches Know-how erforderlich war. Gefragt waren Geduld, eine lückenlose Dokumentation und ein erfahrenes Team, das jeden einzelnen Aspekt des Modells nachvollziehbar erklären konnte.
„Ohne Einsatz, Geduld und ein erfahrenes Team ist es schlicht nicht möglich, einen Custodian aufzubauen.“ - Pieter Aartsen, Managing Director Execution Services, AFS Group
Nach zwei Jahren intensiver Gespräche und regulatorischer Prüfungen erhielt Knox schließlich die erforderliche Zulassung.
Doch damit begann die eigentliche Arbeit erst.
Der Neuaufbau einer Custody-Plattform
Nach Erhalt der regulatorischen Zulassung stand bereits die nächste Herausforderung an, der Aufbau der operativen und technologischen Infrastruktur, die für den Betrieb eines Custodians notwendig ist.
Anstatt auf bestehende Altsysteme zurückzugreifen, entschied sich Knox dafür, eine moderne Custody-Plattform vollständig neu zu entwickeln.
Gemeinsam mit dem Technologiepartner wurde die Plattform Schritt für Schritt aufgebaut und kontinuierlich erweitert.
In der ersten Phase lag der Fokus auf der Verwaltung von Konten und der Abwicklung von Investmentfonds. Anschließend wurde die Plattform um ETFs, börsengehandelte Wertpapiere und weitere Anlageklassen erweitert.
Der größte Vorteil eines kompletten Neuaufbaus lag in der Flexibilität.
Gleichzeitig bestand die Herausforderung darin, sicherzustellen, dass jede einzelne Komponente den hohen Anforderungen an Zuverlässigkeit, Genauigkeit und Kontrolle entspricht, die für die Verwahrung von Kundenvermögen unerlässlich sind.
Im Gegensatz zu kundenorientierten Anwendungen bilden Custody-Systeme das Fundament der finanziellen Buchführung.
Jede Transaktion, jede Position und jede Eigentumszuordnung muss korrekt erfasst, nachvollziehbar dokumentiert und jederzeit prüfbar sein.
„Es ist kein Reporting-Tool. Im Kern steht ein zentrales Accounting-System, auf dem alles aufbaut.“ - Pieter Aartsen, Managing Director Execution Services, AFS Group
Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, waren umfassende Tests und Validierungen während des gesamten Entwicklungsprozesses unerlässlich.
Wie ein kleines Team ein großes Ziel erreichte
Einer der bemerkenswertesten Aspekte der Geschichte von Knox ist die Größe des Teams, das hinter dem Projekt stand.
Ursprünglich war vorgesehen, mit einem kleinen Team zu starten, unterstützt durch sorgfältig ausgewählte Outsourcing-Partner.
Dieser Ansatz stieß bei den Aufsichtsbehörden zunächst auf Skepsis. Es bestanden Zweifel, dass eine so schlanke Organisation die erforderliche Kontrolle und Aufsicht dauerhaft sicherstellen könne.
Um diese Bedenken auszuräumen, dokumentierte das Knox-Team sämtliche operativen Verantwortlichkeiten bis ins Detail. Dabei wurde transparent aufgezeigt, wie interne Ressourcen und externe Partner ineinandergreifen und gemeinsam die erforderlichen Prozesse abdecken würden.
Das Ergebnis war ein äußerst effizientes Betriebsmodell, getragen von fundierter Expertise in den Bereichen Recht, Compliance, Operations und Custody.
Für Pieter bestätigte dieses Projekt eine wichtige Erkenntnis.
Fachwissen, Kreativität und eine starke Zusammenarbeit können fehlende Größe oftmals mehr als ausgleichen.
„Die Kombination aus Wissen, Geduld und Kreativität ist der Schlüssel zum Erfolg.“ - Pieter Aartsen, Managing Director Execution Services, AFS Group
Das Projekt wurde zu einem eindrucksvollen Beispiel dafür, was hochspezialisierte Teams erreichen können, wenn sie auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten.
Von Knox zu AFS
Trotz der erfolgreichen Zulassung und des erfolgreichen Aufbaus der Plattform stand Knox vor einer Herausforderung, die viele Projekte im Bereich der Finanzmarktinfrastruktur kennen: die Finanzierung.
Verzögerungen im regulatorischen Prozess und der umfangreiche Technologieaufbau führten zu längeren Projektlaufzeiten und einem höheren Kapitalbedarf als ursprünglich geplant.
Obwohl das zugrunde liegende Geschäftsmodell weiterhin überzeugte, wurde es für die bestehenden Investoren zunehmend schwieriger, die zusätzlichen Investitionen für die weitere Skalierung der Plattform zu rechtfertigen.
Gleichzeitig hatte die AFS Group das Custody-Geschäft bereits als strategisches Wachstumsfeld identifiziert.
Die Ziele und Vorstellungen beider Unternehmen erwiesen sich als bemerkenswert deckungsgleich.
Anstatt den Weg eigenständig fortzusetzen, wurde Knox in AFS Execution Services integriert. Dadurch konnten die Custody-Kompetenzen mit der bestehenden Brokerage- und Handelsinfrastruktur von AFS zusammengeführt werden.
Dieser Schritt ermöglichte es, die bei Knox entwickelte Plattform, die technologische Architektur und das aufgebaute Fachwissen innerhalb einer größeren Organisation weiter auszubauen und langfristig zu skalieren.
Warum Custody für AFS strategische Bedeutung hat
Heute ist Custody ein wichtiger Bestandteil des umfassenden Finanzdienstleistungsangebots der AFS Group.
Die Kombination aus Execution Services, Custody-Infrastruktur, Handelsplätzen und Kapitalmarktexpertise schafft Möglichkeiten, die über klassische Custody-Dienstleistungen hinausgehen.
Ein Beispiel, das in der Podcast-Folge thematisiert wird, ist die Unterstützung von Crowdfunding-Plattformen durch AFS.
Durch die Kombination von Custody-Services, der Emission von Anleihen, Zahlungsabwicklung, der Verarbeitung von Corporate Actions und dem Sekundärmarkthandel über die eigene Multilateral Trading Facility (MTF) kann AFS den gesamten Lebenszyklus bestimmter Finanzinstrumente abdecken.
Dieser integrierte Ansatz spiegelt eine Entwicklung wider, die in der gesamten Finanzbranche zu beobachten ist.
Immer mehr Infrastrukturanbieter verfolgen das Ziel, mehrere Dienstleistungen innerhalb eines gemeinsamen Ökosystems anzubieten, anstatt als isolierte Einzellösungen zu agieren.
„Die Kombination aus Custody und Handelbarkeit ist ein einzigartiges Konzept.“ - Pieter Aartsen, Managing Director Execution Services, AFS Group
Für AFS ist Custody deshalb weit mehr als ein eigenständiger Geschäftsbereich. Es ist ein zentraler Baustein einer übergeordneten Wachstumsstrategie.
Lehren für den Aufbau von Unternehmen in regulierten Märkten
Gegen Ende des Gesprächs spricht Pieter darüber, welche Erkenntnisse Unternehmer und Fachleute aus der Finanzbranche aus der Geschichte von Knox mitnehmen können.
Sein wichtigster Rat lässt sich auf ein zentrales Thema zurückführen: Regulierung wirklich zu verstehen.
In stark regulierten Branchen entsteht Innovation häufig dort, wo neue regulatorische Anforderungen richtig eingeordnet und Chancen erkannt werden, die andere Marktteilnehmer übersehen.
Pieter ist überzeugt, dass Regulierung nicht zwangsläufig eine Einschränkung sein muss. Für Unternehmen, die bereit sind, die notwendige Zeit in ihr Verständnis zu investieren, kann sie vielmehr zu einem echten Wettbewerbsvorteil werden.
„Beschäftigen Sie sich intensiv mit neuen Regeln und Vorschriften und versuchen Sie, der Erste zu sein.“ - Pieter Aartsen, Managing Director Execution Services, AFS Group
In Kombination mit fundierter Produktexpertise und einem leistungsstarken Team kann diese Denkweise völlig neue Geschäftsmodelle und Marktchancen eröffnen.
Die Entstehung von Knox ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie genau das in der Praxis gelingen kann.
Themen dieser Episode
- Die Entstehung von Knox und warum 25 Asset Manager die Gründung unterstützten
- Was erforderlich ist, um einen Custodian vollständig neu aufzubauen
- Die regulatorischen Herausforderungen beim Aufbau eines Custodians ohne Banklizenz
- Vermögenstrennung und Anlegerschutz im Custody-Geschäft
- Der Aufbau von Custody-Technologie und -Infrastruktur von Grund auf
- Operative Resilienz mit einem schlanken Team sicherstellen
- Warum Knox Teil der AFS Group wurde
- Welche strategische Rolle Custody in der langfristigen Wachstumsstrategie von AFS spielt
- Die Bedeutung von Custody für moderne Finanzmarktinfrastruktur
- Erkenntnisse für Unternehmer in stark regulierten Branchen
Die vollständige Episode ansehen
Sehen Sie sich das vollständige Gespräch mit Pieter Aartsen an und erfahren Sie, was es braucht, um einen Custodian von Grund auf aufzubauen, komplexe regulatorische Anforderungen zu meistern und zentrale Finanzmarktinfrastruktur für die moderne Wealth-Management-Branche zu schaffen.
Über den Gast
Pieter Aartsen ist Managing Director Execution Services bei der AFS Group. Bevor er zu AFS wechselte, verantwortete er den Aufbau von Knox, einem niederländischen Custodian, der speziell für unabhängige Wealth- und Asset Manager entwickelt wurde. Im Laufe seiner Karriere war Pieter am Aufbau verschiedener Unternehmen im Bereich der Finanzmarktinfrastruktur beteiligt, darunter Handelsplattformen, Pensionslösungen und Custody-Dienstleistungen. Dabei sammelte er umfassende Erfahrung in den Bereichen Regulierung, Operations und Marktstruktur.
Über Wealth Insider
Wealth Insider ist ein Podcast von Performativ, der sich mit den Strategien, Technologien und Persönlichkeiten beschäftigt, die die Zukunft des Wealth Managements prägen. In jeder Episode spricht Performativ mit führenden Köpfen aus den Bereichen Investment Management, Private Banking, Fintech und Finanzregulierung. Die Gespräche bieten praxisnahe Einblicke, persönliche Erfahrungen und neue Perspektiven auf die Entwicklungen der Branche.

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