Zehn Jahre Zusammenarbeit und Innovation zwischen Fintechs und Banken in Nordeuropa

Blog Image
Date icon

17. Juni 2026

Author Image

Christian Lindvall

In den vergangenen zehn Jahren hat sich Fintech von einem Nischenthema zu einem festen Bestandteil moderner Finanzsysteme entwickelt. Heute bilden digitale Finanzlösungen einen wichtigen Teil der Infrastruktur, auf der Wirtschaft und Gesellschaft aufbauen.

Während in vielen Märkten vor allem über Disruption und die Ablösung etablierter Anbieter gesprochen wurde, hat sich in den nordischen Ländern ein anderer Ansatz durchgesetzt. Dort stehen Zusammenarbeit, gemeinsame Entwicklung und langfristige Partnerschaften im Mittelpunkt. Fintechs, Banken, Regulierungsbehörden, Investoren und Technologieunternehmen arbeiten eng zusammen, um Innovationen voranzutreiben.

In dieser Folge des Wealth Insider Podcast spricht Host Christian Lindvall mit Thomas Krogh Jensen, CEO von Copenhagen Fintech, über die Entwicklung des nordischen Fintech-Ökosystems, die Bedeutung von Kooperationen für Innovationen und die Frage, wie die Zukunft der Finanzdienstleistungsbranche in Europa aussehen könnte.

Anlässlich des zehnjährigen Bestehens von Copenhagen Fintech blickt Thomas auf die wichtigsten Erfahrungen beim Aufbau eines der führenden Fintech-Hubs Europas zurück. Gleichzeitig erklärt er, warum die nächste Wachstumsphase der Branche möglicherweise weniger von Disruption geprägt sein wird, sondern vor allem von starken Partnerschaften.

Vom Startup-Netzwerk zum Innovationsmotor der Branche

Copenhagen Fintech wurde 2016 mit dem Ziel gegründet, die Entwicklung von Fintech-Innovationen in Dänemark und später in der gesamten nordischen Region voranzutreiben.

Was ursprünglich als gemeinsamer Arbeitsort für junge Fintech-Unternehmen begann, hat sich im Laufe der Jahre zu einer zentralen Plattform für die gesamte Branche entwickelt. Heute bringt Copenhagen Fintech Start-ups, Banken, Investoren, Universitäten, Technologieanbieter und Aufsichtsbehörden zusammen, unter anderem über Innovationsprogramme, Forschungsprojekte, Veranstaltungen und strategische Kooperationen.

Inzwischen waren fast 300 Unternehmen Teil des Netzwerks und haben die Entwicklung des nordischen Fintech-Sektors aktiv mitgestaltet.

“Innovation entsteht, wenn Menschen auf Menschen treffen.” — Thomas Krogh Jensen, CEO, Copenhagen Fintech

Die Entwicklung der Branche zeigt den Erfolg dieses Ansatzes deutlich: Während es in Dänemark vor zehn Jahren weniger als 100 Fintech-Unternehmen gab, sind es heute mehr als 400. Gleichzeitig ist auch die Zahl der Beschäftigten in der Branche in der gesamten Region stark gestiegen.

Warum Kooperation im Norden erfolgreicher ist

Eine der größten Besonderheiten des nordischen Fintech-Marktes ist die enge Zusammenarbeit zwischen neuen und etablierten Akteuren.

Während Fintechs in vielen Ländern zunächst als direkte Herausforderer der Banken auftraten, entwickelte sich in den nordischen Märkten ein anderes Modell. Viele Unternehmen entschieden sich bewusst für Partnerschaften mit bestehenden Finanzinstituten, anstatt gegen sie anzutreten.

Laut Thomas Krogh Jensen gibt es dafür mehrere Gründe, beispielsweise kleine Heimatmärkte, eine hoch entwickelte digitale Infrastruktur und eine Unternehmenskultur, die stark von Vertrauen geprägt ist.

“Die meisten Fintechs entwickeln Lösungen, die Banken dabei helfen, ihre Angebote und Geschäftsmodelle schneller weiterzuentwickeln.” — Thomas Krogh Jensen, CEO, Copenhagen Fintech

Dieser kooperative Ansatz hat ein Umfeld geschaffen, in dem Start-ups, etablierte Finanzunternehmen und Regulierungsbehörden gemeinsam an Lösungen arbeiten können. Das beschleunigt Innovationen und hilft der Branche, neue Herausforderungen effizienter zu bewältigen.

Wenn Zusammenarbeit auf die Realität trifft

Partnerschaften zwischen Fintechs und Banken gelten oft als Erfolgsmodell. In der Praxis sind sie jedoch deutlich anspruchsvoller, als es von außen wirkt.

Der Grund liegt vor allem in den unterschiedlichen Rahmenbedingungen  beider Seiten. Banken bewegen sich innerhalb komplexer Prozesse, regulatorischer Vorgaben und umfangreicher Risikokontrollen. Entscheidungen brauchen Zeit. Fintechs dagegen arbeiten meist mit begrenzten Ressourcen, kurzen Entwicklungszyklen und einem hohen Handlungsdruck.

Zwischen Geschwindigkeit und Risikomanagement entsteht dadurch zwangsläufig ein Spannungsfeld.

Für Thomas Krogh Jensen beginnt eine erfolgreiche Zusammenarbeit deshalb mit klaren Erwartungen. Ziele, Zeitpläne und Verantwortlichkeiten sollten früh definiert werden, bevor beide Seiten größere Ressourcen investieren.

“Für ein Start-up steht bei fast jeder Entscheidung etwas Existenzielles auf dem Spiel.” — Thomas Krogh Jensen, CEO, Copenhagen Fintech

Mit der Reife der Branche hat sich auch die Art verändert, wie Innovationen umgesetzt werden. Die Zeit vieler Pilotprojekte ohne greifbare Ergebnisse sei weitgehend vorbei. Stattdessen rücken heute konkrete Geschäftsergebnisse, reale Anwendungsfälle und skalierbare Lösungen in den Mittelpunkt.

Warum Banken und Fintechs einander noch immer falsch einschätzen

Obwohl die Zusammenarbeit zwischen beiden Seiten deutlich enger geworden ist, bestehen nach wie vor Missverständnisse.

Große Finanzinstitute betrachten kleine Fintech-Teams häufig zunächst als Nachteil. Der Fokus liegt auf begrenzten Ressourcen, fehlender Größe oder geringerer Marktmacht.

Dabei liegt laut Thomas gerade darin oft die größte Stärke eines Fintechs.

Kleine Teams können schneller entscheiden, neue Ideen testen und innovative Lösungen innerhalb kurzer Zeit auf den Markt bringen. In Kombination mit der Reichweite, dem Kundenstamm und der Infrastruktur etablierter Banken entsteht daraus ein enormes Potenzial.

Gleichzeitig unterschätzen manche Fintech-Gründer, wie komplex der Betrieb eines regulierten Finanzinstituts tatsächlich ist. Millionen Kundenbeziehungen, regulatorische Anforderungen und operative Risiken lassen sich nicht mit derselben Geschwindigkeit steuern wie ein junges Technologieunternehmen.

“Ein kleines Team ist nicht nur eine Schwäche. Es ist vor allem die Grundlage für Geschwindigkeit.” — Thomas Krogh Jensen, CEO, Copenhagen Fintech

Die erfolgreichsten Partnerschaften entstehen dort, wo beide Seiten ihre jeweiligen Stärken erkennen und gezielt miteinander verbinden, statt sich auf ihre Unterschiede zu konzentrieren.

Fintech als unsichtbare Infrastruktur der Zukunft

Ein besonders spannender Aspekt des Gesprächs ist die Frage, wie sich die Rolle von Fintech in den vergangenen Jahren verändert hat.

Nach Ansicht von Thomas Krogh Jensen ist Fintech längst nicht mehr nur eine eigenständige Branche. Finanztechnologie entwickelt sich zunehmend zu einer Basistechnologie, die in unterschiedlichsten Geschäftsmodellen und digitalen Plattformen integriert wird.

Als Beispiel nennt er Unternehmen wie Wolt. Obwohl sie normalerweise nicht als Fintech-Unternehmen wahrgenommen werden, bieten sie ihren Kunden und Partnern inzwischen Finanzdienstleistungen wie Zahlungen, Versicherungen oder Finanzierungslösungen direkt innerhalb ihrer Plattformen an.

Finanzdienstleistungen werden dadurch immer stärker Teil digitaler Alltagserlebnisse, oft ohne dass Nutzer dies bewusst wahrnehmen.

“Finanztechnologie ist längst nicht mehr nur eine eigener Markt. Sie entwickelt sich zu einer branchenübergreifenden Technologie.” — Thomas Krogh Jensen, CEO, Copenhagen Fintech

Parallel dazu gewinnen Themen wie digitale Souveränität, strategische Unabhängigkeit und europäische Infrastruktur zunehmend an Bedeutung. Damit rückt Finanztechnologie immer stärker in den Mittelpunkt wirtschaftlicher und geopolitischer Debatten.

Wohin entwickelt sich die nordische Fintech-Branche?

Für die kommenden Jahre sieht Thomas mehrere Herausforderungen, die darüber entscheiden werden, wie wettbewerbsfähig Europa im globalen Vergleich bleibt.

Ein zentrales Thema ist der Zugang zu Wachstumskapital. Viele europäische Fintech-Unternehmen stoßen bei der Finanzierung ihrer Expansion an Grenzen, während in den USA deutlich größere Kapitalmengen verfügbar sind.

Gleichzeitig steht Europa vor einer grundsätzlichen Frage: Welche digitale Infrastruktur möchte man künftig selbst kontrollieren und in welchen Bereichen bleibt man von externen Anbietern abhängig?

Mit der zunehmenden Verflechtung von Technologie, Finanzwirtschaft und Geopolitik wird diese Frage immer wichtiger.

“Eine der entscheidenden Fragen der nächsten zehn Jahre wird sein, ob wir die Infrastruktur selbst besitzen oder sie von anderen mieten.” — Thomas Krogh Jensen, CEO, Copenhagen Fintech

Für Copenhagen Fintech steht deshalb auch in den kommenden Jahren die Weiterentwicklung des Ökosystems im Mittelpunkt. Ziel ist es, die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren weiter auszubauen und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die nächste Generation international erfolgreicher nordischer Fintech-Unternehmen entstehen kann.

Themen dieser Episode

  • Die Entwicklung von Copenhagen Fintech und zehn Jahre Wachstum im nordischen Fintech-Ökosystem
  • Warum Zusammenarbeit zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor der nordischen Fintech-Branche geworden ist
  • Die Herausforderungen erfolgreicher Partnerschaften zwischen Fintechs und Banken
  • Typische Missverständnisse zwischen Start-ups und etablierten Finanzinstituten
  • Die Stärken und Grenzen des nordischen Fintech-Modells
  • Warum Fintech zunehmend zur digitalen Infrastruktur wird
  • Embedded Finance und die Zukunft von Finanzdienstleistungen
  • Digitale Souveränität und die Rolle Europas im Technologiewettbewerb
  • Die Finanzierungsherausforderungen europäischer Fintech-Unternehmen
  • Wie die Zukunft der Fintech-Branche in den nordischen Ländern und Europa aussehen könnte

Die komplette Episode ansehen

Im vollständigen Gespräch mit Thomas Krogh Jensen erfähren Sie, wie sich das nordische Fintech-Ökosystem in den vergangenen zehn Jahren entwickelt hat und welche Voraussetzungen Europa schaffen muss, um auch künftig im internationalen Wettbewerb erfolgreich zu bleiben.

Über den Gast

Thomas Krogh Jensen ist CEO von Copenhagen Fintech, einem der führenden Fintech-Innovationszentren Europas. Seit seinem Einstieg arbeitet er eng mit Fintech-Start-ups, Finanzinstituten, Regulierungsbehörden, Investoren und Universitäten zusammen, um das nordische Fintech-Ökosystem weiterzuentwickeln und Innovationen im Finanzsektor zu fördern.

Über Wealth Insider

Wealth Insider ist ein Podcast von Performativ über die Strategien, Technologien und Persönlichkeiten, die die Zukunft der Vermögensverwaltung prägen. In jeder Folge sprechen Führungskräfte aus den Bereichen Investmentmanagement, Private Banking, Fintech und Finanzregulierung offen über die Entwicklungen und Herausforderungen der Branche.

Optimieren Sie Ihre Vermögensverwaltung

Vereinbaren Sie eine Demo und erleben Sie, wie Performativ alle Bereiche der Vermögensverwaltung auf einer Plattform vereint.

Demo buchen

Book Button ArrowBook Button Arrow
Send Email